Aktueller Umsetzungsstand und Themenrelevanz für betriebliche Interessenvertretungen

„Saarland, Thüringen und Baden-Württemberg haben den größten Anpassungsbedarf“, so lautet der Titel einer im Juni 2016 veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), in der mögliche Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung auf die Beschäftigung in den einzelnen Bundesländern analysiert werden. Der Befund dieser Studie ist, dass das Saarland mit seiner hohen Bedeutung von Fertigungs- und Fertigungstechnischen Berufen einen großen Anteil an Tätigkeiten aufweist, die durch automatisierte Prozesse ersetzt werden könnten. Damit ist noch keineswegs ausgemacht, dass massive Beschäftigungsverluste mit solchen Entwicklungen einhergehen, denn die konkreten Auswirkungen resultieren weniger aus den Möglichkeiten neuer Technologien, sondern sind eine Folge ihrer (arbeits-)organisatorischen Ausgestaltung und Nutzung. Daher ist es entscheidend, inwieweit die Beschäftigten vor der Einführung neuer Technologien erstens einbezogen und zweitens für neue Tätigkeiten und Anforderungen qualifiziert werden.

Die Herausforderungen durch die Digitalisierung für die Beschäftigten im Saarland scheinen also vergleichsweise hoch zu sein. Wie hoch ist aber der (wahrgenommene) Verbreitungsgrad der Digitalisierung in den saarländischen Betrieben bisher? Und haben Betriebsräte als Interessenvertreter der Beschäftigten hier auch Handlungsfelder für sich erkannt? Diesen Fragen geht die vorliegende, von der Arbeitskammer finanzierte und gemeinsam von iso-Institut und BEST durchgeführte Studie in Bezug auf die saarländische Industrie nach. Sie gibt erstmals für das Saarland einen Eindruck über den Umsetzungsstand von Industrie 4.0 und zeigt die aktuell bestehende Bandbreite von einer geringen Relevanz in einigen Betrieben bis hin zu Leitwerken mit Modellprojekten im Bereich Industrie 4.0.

Insgesamt wird die Einschätzung geteilt, dass es sich bei Industrie 4.0 eher um einen evolutionären als um einen revolutionären Prozess handelt. Zwar variieren die wahrgenommenen Herausforderungen für die Betriebsratsarbeit je nach wahrgenommenem Umsetzungsstand, aber unabhängig davon formulieren die befragten Betriebsräte einen deutlichen Mitgestaltungsanspruch beim digitalen Wandel und stehen dafür als Partner bereit. Denn bei allen Chancen, die sie sehen, befürchten sie stark, dass im Zuge von Industrie 4.0 die Anforderungen an den „flexiblen Arbeitnehmer“ steigen und damit vor allem die psychischen Belastungen. Für die Arbeitskammer ist es daher zentral, dass die Akteure in den Betrieben weiter für die Veränderungen sensibilisiert werden, um ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten erkennen und voll ausschöpfen zu können – vor allem auch dort, wo Veränderungen schleichend und nicht direkt sichtbar stattfinden.

Als politischen Auftrag für die Arbeitskammer ergibt sich daraus der weitere Einsatz für eine Einbeziehung der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen in alle relevanten Gestaltungsprozesse, die von politischer Seite eingeleitet oder unterstützt werden: gleichberechtigt und von Beginn an. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten müssen an veränderte Realitäten angepasst und weiter ausgebaut werden. Denn Mitbestimmung sollte bereits vor der Einführung neuer Technologien stattfinden und nicht erst dann, wenn nachträglich negative Folgen von Entscheidungen zu korrigieren sind, die ohne sie getroffen wurden.

Sie können die AK-Texte hier im PDF-Format kostenlos downloaden:

AK-Texte: (Digitalsierte) Arbeit in Industrie 4.0