sozialstaatsradar
Welchen Sozialstaat wollen die Menschen in Deutschland?
Der deutsche Sozialstaat steht – nicht zuletzt aufgrund der angespannten Haushaltslage – wieder zunehmend im Fokus der politischen Debatte. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Reformvorschläge zielen häufig auf Leistungskürzungen und eine Stärkung der privaten Vorsorge ab, in der Regel verbunden mit dem Ruf nach mehr „Eigenverantwortung“. Was in dieser Debatte in der Regel unterbelichtet bleibt, sind die Einstellungen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger zum Sozialstaat.
Das sozialstaatsradar ermittelt, was die Menschen vom Sozialstaat und seinen einzelnen Sicherungssystemen erwarten. Ein besonderer Fokus der Befragung liegt auf den Einstellungen zu den Sozialversicherungen im Bereich Rente, Gesundheit und Pflege. Das sozialstaatsradar widmet sich dabei unter anderem folgenden Fragen: Welche Leistungserwartungen haben die Bürgerinnen und Bürger? Wie sollen die Leistungen finanziert werden? Welche Rolle sollen der Staat und private Anbieter dabei spielen?
sozialstaatsradar 2026: Zentrale Ergebnisse der aktuellen Befragung
Der zentrale Befund der Befragung lautet: Die Menschen in Deutschland wünschen sich einen starken, solidarischen Sozialstaat – und sind bereit für diesen auch den notwendigen finanziellen Beitrag zu leisten. Diese Haltung der Bürgerinnen und Bürger zeigt sich unter anderem an folgenden Befunden:
- Die Bevölkerung ist sozialstaatlicher als der politische Diskurs: Große Mehrheiten der Bevölkerung unterstützen starke Sicherungssysteme und lehnen eine stärkere Privatisierung sozialer Risiken ab. Exemplarisch hierfür stehen die Wünsche bei der Finanzierung der Pflege: Über 60% der Befragten sprechen sich dafür aus, die Eigenanteile in der Heimpflege zu deckeln oder ganz abzuschaffen. Die Kosten sollen – auch wenn die Beiträge dadurch steigen – durch die soziale Pflegeversicherung übernommen werden. Verpflichtende private Zusatzversicherungen, die momentan im Rahmen der Reformdebatte diskutiert werden, werden dagegen von einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt.
- Gute soziale Absicherung ist wichtiger als niedrige Beiträge: Den Menschen ist bewusst: Gute Leistungen kosten gutes Geld. Für einen wirksamen und verlässlichen Sozialstaat ist die übergroße Mehrheit auch zu entsprechenden, tendenziell steigenden Abgaben bereit, um langfristig angemessene Leistungen bei Rente, Gesundheit und Pflege sicherzustellen. Diese Bereitschaft zeigt sich gerade auch bei den Jüngeren – vom häufig heraufbeschworenen Generationenkonflikt kann also keine Rede sein.
- Einheitliche Sicherungssysteme für alle: Die Menschen sprechen sich für einen stärkeren sozialen Ausgleich in den Sicherungssystemen aus. So befürworten Mehrheiten die Einbeziehung von Selbstständigen und Beamt*innen in die Rentenversicherung. Auch bei der Kranken- und Pflegeversicherung wird das bestehende System offensichtlich als ungerecht empfunden: 80% unterstützen eine gemeinsame Bürgerversicherung für alle, selbst eine Mehrheit der Privatversicherten ist dafür.
- Die Rente muss tatsächlich erreichbar sein: Die Mehrheit der Beschäftigten glaubt, ihren derzeitigen Beruf höchstens bis zur früheren Regelaltersgrenze von 65 Jahren ausüben zu können. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass knapp drei Viertel sich dagegen ausspricht, die Regelaltersgrenze – die momentan auf 67 Jahre angehoben wird – weiter zu erhöhen, indem sie zukünftig an die Entwicklung der Lebenserwartung gekoppelt wird.
Über die Befragung
Das sozialstaatsradar ist eine gemeinsame Befragung von Arbeitskammer des Saarlandes, Arbeitnehmerkammer Bremen und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB). Die Befragung wird einmal jährlich anhand einer systematischen Quotenstichprobe durchgeführt, die die Ansichten der Wohnbevölkerung in Deutschland im Alter ab 18 Jahren zuverlässig abbildet. Insgesamt werden 3.000 Personen per Online-Erhebung befragt und so gewichtet, dass die Resultate die tatsächliche Verteilung – etwa nach Alter, Geschlecht oder Region – repräsentieren.
Der Fragebogen umfasst Fragen zu Strukturelementen der Sozialversicherungen, die regelmäßig abgefragt werden, sowie Fragen zu aktuellen Reformdebatten. Die zentralen Ergebnisse des sozialstaatsradars erscheinen im Frühjahr eines Jahres. Politisch relevante Befunde sowie thematisch gebündelte Daten erscheinen zudem in Form von Sonderveröffentlichungen.
AK-Position zum Download (PDF barrierefrei)
Zentrale Ergebnisse
AK-Jahresbericht an die Regierung des Saarlandes 2025
Beitrag AK-Konkret April 2026 zum Downlaod
„Ein funktionierender Sozialstaat ist eine Frage der Gerechtigkeit“
SOZIALSTAATSKONGRESS Arbeitskammer fordert grundlegende Reformen
